«Lilith, ich weiss nicht, ob wir an Deinem Geburtstag ein Fest mit Götti, Gotte und Grosseltern machen können». Ein Satz, den wohl in den letzten Monaten so oder ähnlich viele Eltern ihren Kindern sagen mussten. Im Übrigen ist meine Familie aber in mehrfacher Hinsicht privilegiert: Wir haben die Möglichkeit viel Zeit draussen zu verbringen. Wir haben Respekt, aber keine Angst vor dem Virus. Wir können die getroffenen Massnahmen einigermassen einordnen und manchmal besser, manchmal schlechter, auch unseren Kindern vermitteln. Natürlich hoffen wir deswegen, dass sie psychisch und emotional stabil durch die Pandemie kommen.  

Schulschliessungen auf Teufel komm raus

Wir brauchen hier nicht gross Hilfe vom Staat, ausser einer: Die Schulen für die Kleinen müssen offen bleiben, solange es irgendwie geht. Gemäss x Initiativen und wütender Tweets müssen zwar auf Teufel komm raus Schulschliessungen her. Wer in einem Akt zivilen Ungehorsams seine Kinder trotz Schulpflicht nicht zur Schule schickt, wird als Heldin gefeiert. Wie erwerbstätige Eltern eine Schulschliessung stemmen sollen, ist ihnen überlassen. Zwar gibt es in einigen Fällen Erwerbsersatz, aber erstens nicht für alle, zweitens ist auch ein Erwerbsersatz nicht die Lösung für Eltern, die ihre Kinder schulisch nicht unterstützen können und sowieso kann das das keine wochenlange Lösung für tausende Familien sein.

Wer erwerbstätig ist, setzt falsche Prioritäten

Schlussendlich ist der Tenor: Wer arbeitet, hat selber schuld, so beispielsweise ein Kommentarschreiber im Bund: «Ungeheuerlicher empfinde ich jedoch Eltern, welche sich über die temporäre Vollzeitbetreuung ihrer Bälge echauffieren (…) In solchen Fällen müsste dringend einmal die KESB überprüfen, welche Prioritäten solche Eltern genau setzen.» Beliebt auch: Wenn ich das wuppen kann, sollen das gefälligst alle anderen auch können. Dass nicht jeder Arbeitgeber HomeOffice ermöglichen kann oder will, ist dabei nicht von Belang. Interessanterweise kommen diese egozentrischen Aussagen genau von denjenigen, die den Corona-Leugner*innen (zu Recht) mangelnde Solidarität vorwerfen.

Bashing und Falschmeldungen

Schreibt das BAG, dass Kinder nicht Treiber der Pandemie sind, wird reflexartig gebashed dass die ohnehin keine Ahnung und anders als die Kolleg*innen in Deutschland die neuesten Studien nicht gelesen hätten, zu faul oder mit der Pharmaindustrie oder sonst mit der Wirtschaft verbandelt seien. Dass auch das Robert Koch Institut unmissverständlich schreibt: «Kinder und jüngere Jugendliche sind jedoch seltener betroffen als Erwachsene und nicht Treiber der Pandemie», passt nicht in die Argumentation und wird entsprechend ignoriert. Ich bin keine Ärztin, aber habe doch schon den einen oder anderen komplexeren Text gelesen und verstanden. Dass es namhafte Virolog*innen gibt, die Kinder als genauso ansteckend erachten, gehört zum wissenschaftlichen Diskurs, macht aber die Aussagen von BAG und RKI nicht einfach falsch. Wenn eine Pflegefachfrau medienwirksam behauptet, die Stationen seien voll von an der neuen Mutation des Virus erkrankten Kindern, wird das dankbar aufgenommen als weiteres Argument für Schulschliessungen. Dass das hingegen schlicht eine Falschmeldung war, wird, richtig, ignoriert. Selbst die Virologin Isabella Eckerle sagt übrigens im Interview mit SWR, dass es «absolut richtig sei», dass die Schulen offen gehalten werden sollen. Nicht weil sie es für erwiesen hält, dass Kinder keine Treiber seien, aber weil sie über den wissenschaftlichen Gartenzaun schaut und weiss, dass in Kindern auch eine Psyche wohnt.

«Die» Wissenschaft endet bei der Psyche der Kinder

Die Erkenntnisse von Pädagog*innen und Kinderärzt*innen scheinen aber für jene Schulschliessungsvertreter*innen, welche die mangelnde Würdigung «der» Wissenschaft durch «die» Politik beklagen, irrelevant. Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften, gab nach der Schulschliessung im Frühling zu bedenken: «Neben der fehlenden technischen Ausstattung hat manchen Eltern entweder die Kompetenz, die Zeit oder das Interesse gefehlt, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Hier ist das Homeschooling an seine Grenzen gestossen. Deshalb ist zu erwarten, dass manche Schüler mit grösseren Defiziten als vorher wieder zur Schule kommen. » Ich bin zwar keine Pädagogin, lebe aber nicht in einer Wohlstandsbubble und kann bestätigen: Das war so, bei uns hatten die Klassenlehrerinnen aus gutem Grund gar nicht erst versucht, digitalen Unterricht anzubieten. Die Prognose ist eingetroffen, die Defizite erschreckend.

Der Direktor der Leipziger Klinik für Kinder und Jugendmedizin stellte trocken fest: «Wenn wir Kindern schaden wollen, dann sind Schulschließungen sehr effektiv». Ich bin nach wie vor keine Ärztin, aber Mutter von Kindern, die in wild durchmischte Klassen gehen und kann das ebenfalls bestätigen. All das fällt auch auf unsere Kinder zurück. Und ja, ich gebe es zu, in diesem Sinne habe ich auch ein urpersönliches Interesse daran, dass die Schulen offen bleiben.

Schulschliessungen schaden nicht allen, aber den meisten Kindern, insbesondere solchen aus weniger privilegierten Familien. Sie bringen erwerbstätige Eltern ans Limit, und wiederum sind hier jene im Tieflohnbereich stärker betroffen. Es wäre für den Bundesrat natürlich am einfachsten, die Schulen diskussionslos zu schliessen – die erwerbstätigen Eltern schauen dann schon irgendwie selber. Ich wünschte mir hier Solidarität und hoffe, dass der Bundesrat differenzierte Massnahmen beschliesst. Denn es gibt in der Pandemie nicht nur Schwarz (Covidiot*innen) und Weiss (Lockdown-bis-zum-Ende-der-Pandemie-Befürworter*innen). Sondern auch Grau in vielen Schattierungen. Münzen wir diese in kreative und ganzheitliche Lösungen um, werden wir an der Pandemie wachsen.

Die Kinder machen das schon mal vor. Lilith jedenfalls hatte kurz den Mund verzogen, sehr schnell aber breit gegrinst: «So cool!» «Hä?» «Dann kann ich endlich mal ein Geburtstagsfest im Sommer machen!».


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