«Also ein bisschen stur ist sie ja schon, Deine Tochter!» Die Kita-Frau schaut mich halb erschöpft, halb amüsiert an. Ich gucke schuldbewusst, nehme Lilith in den Arm und murmle, dass ich wirklich nicht wisse, woher sie das habe. Oder weiss ich es doch? Laut verschiedenen Schweizer Medien beweisen etliche Studien, dass Kitas auf das Sozialverhalten von Kindern negativ wirkten.

So seien Kitakinder aggressiver als andere. Gerne wird auch Jesper Juul zitiert, wonach fremdbetreute Kinder einsam seien. Die Kinder würden zudem laut einer Studie des National Institute of Child Health and Development durch die Kitas gestört, sie stritten, kämpften und lögen mehr. Dazu passt, dass Kindern – so tatsächlich in einem Bericht behauptet – in der Kita die Augen verbunden würden, damit sie brav ihren Mittagsschlaf hielten. Zum Glück ist meine Tochter stur, um ihr die Augen zu verbinden, müssten mehrere Kita-Frauen und -Männer rohe Gewalt anwenden. Und selber mit Verlusten rechnen.

cta_1

Im wirklichen Leben sieht es anders aus: 

Eine halbwegs normal aussehende und halbwegs normal mit ihrem Kind umgehende Mutter lehnt solche Brutstätten von Aggressionen natürlich ab und hat sich für das Kind und gegen alles andere entschieden. Das stand für die nette alte Dame, welche ich vor einiger Zeit im Zug getroffen habe,  ausser Frage. Sie hatte mich beobachtet, wie ich Lilith über die Haare strich: «Ach wie schön! Gäuet, Mutter zu sein ist wichtiger, als Karriere zu machen», meinte sie mit verklärtem Blick auf meine friedlich schlummernde Tochter. Ob ich noch unter Stilldemenz litt, oder ob ich einfach wegen meiner 70%-Kaderposition zu erschöpft war, um schlagfertig zu antworten – ich weiss es nicht.

Ich hätte sie loben können für ihre moderne Haltung. Denn das Modell «Mutter bleibt zuhause» hat keine Tradition – in vorigen Jahrhunderten konnte es sich die Mutter entweder nicht leisten, zuhause zu bleiben und musste auswärts arbeiten, oder sie konnte es sich leisten, dann hat sie sich aber auch eine Amme und eine Kinderfrau geleistet. Sei es drum, in dem Moment lächelte ich nur dümmlich und war froh, dass wir die Endstation Thun gerade erreicht hatten.

Die Bemerkung ging mir jedoch nicht aus dem Kopf, und ich sehe die nette alte Dame überall und ständig wieder. Im privaten Umfeld: Meine berufliche Auszeit, in welcher ich ziemlich unverhofft, wenn auch freiwillig, landete? So schön, jetzt musst Du die Kinder nicht mehr in die Kita schicken, sondern kannst sie selber geniessen! Oder nachdem ich wieder eine anspruchsvolle Teilzeitstelle gefunden habe: Oh, aber Dein Partner verdient doch genug?

Am deutlichsten, und das zeigt, dass ich nicht nur an erratische und seltsame Individuen geraten bin, sehe ich die nette alte Dame in der Politik: Zwar sind die Fakten so eindeutig, dass man mit einigermassen klarem Verstand nicht mehr für die flächendeckende Frau-bleibt-zuhause-bei-den-Kindern-Politik sein kann. Oben erwähnte Studien und Aussagen beispielsweise sind wie so oft aus dem Zusammenhang gerissen – sobald die Betreuung qualitativ hochstehend ist, verschwinden die negativen Auswirkungen und das Kind profitiert von der Gruppendynamik in der Kita.

Ich halte mich sonst mit Aussagen, wonach in der Schweiz immer alles von bester Qualität sei, zurück – aber von unseren Betreuungsschlüsseln und vom Niveau der Ausbildung unserer Kita-Frauen und -Männer können die Kinder in unseren Nachbarländern nur träumen. Auch seitens der Wirtschaft sprechen die Fakten eine deutliche Sprache: Der Fachkräftemangel lässt sich nur mit der Einbindung von Frauen in das Erwerbsleben mildern. Nett auch die Überlegung, wie viel die Ausbildung einer Ärztin die Steuerzahlerin und den Steuerzahler kostet – für nichts, wenn sie dann aufgrund der absurden Arbeitsbedingungen und unflexiblen Betreuungsmöglichkeiten aufgibt und zuhause bleibt. Ein volkswirtschaftlicher Unsinn ist auch die Belastung für die Sozialwerke, weil geschiedene Vollzeitmütter keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt haben, da sie den beruflichen Anschluss verpasst haben.

Ausserdem sei noch zu erwähnen, dass die Mehrheit der Frauen auch als Mutter im Beruf bleiben will. Sie haben diesen, nicht anders als dies die Männer handhaben, schliesslich in aller Regel freiwillig gewählt. Die wenigsten berufstätigen Eltern können oder wollen auf ein engmaschiges familiäres Netzwerk zählen, welches während der Arbeitszeiten das Wohl der Kinder garantiert. Es braucht also eine sinnvolle Kitapolitik.

Offiziell sind diese Fakten angekommen. Der Bundesrat will, dass berufstätige Eltern für die Drittbetreuung ihrer Kinder weniger bezahlen sollen und dass das Betreuungsangebot besser auf ihre Bedürfnisse abgestimmt wird. Er untermauert diese Forderung mit ein paar Zahlen: Ein Vollzeitplatz in einer Kindertagesstätte ohne Subventionen kostet mindestens 2400 Franken pro Monat. Sind beide Elternteile finanziell erfolgreich im Berufsleben, zahlen sie erwerbsbedingt höhere Drittbetreuungskosten. Und zahlen mehr Steuern. Anders gesagt: als Mutter – oder als Vater – muss man sich heute einen Karriereschritt erst mal leisten können und wollen. Das wird sich trotz der hehren Vorsätze so schnell nicht ändern. Auch wer Kitas nicht grundsätzlich ablehnt, will nicht, dass diesen Müttern – oder auch einigen Vätern – eine Karriere erleichtert wird.

Ein schönes Beispiel ist die jüngste Debatte zum Sparprogramm für die Bundesverwaltung. Hier wurde eine Zahl herumgereicht, welche empörte: Angestellten mit 240’000 Franken Jahresverdienst werde die Hälfte an die Kinderbetreuung bezahlt. Wer also drei Kinder hat, zusammen 180% arbeitet und 240’000 Franken verdient, zahlt rund 35’000 Franken Kitakosten, 35’000 Franken übernimmt der Bund als Arbeitgeber. Bleiben 205’000 Franken Bruttofamilieneinkommen. Skandal. Nur: Wer mindestens 240’001 Franken Familieneinkommen hat, zahlt rund 70’000.- Kitakosten pro Jahr. Bleiben gut 170’000.- Bruttofamilieneinkommen. Zweifellos ein gutes Einkommen. Aber ein kleineres Einkommen als die Familie, welche theoretisch einen tieferen Lohn nach Hause bringt. Das geht mir nicht in den Kopf. In der Schweiz gilt eine strenge Arbeitsmoral. Es soll sich finanziell immer lohnen, erwerbstätig zu sein und sich beruflich weiterzuentwickeln. Das gilt für alle – von der regulären Arbeitnehmerin über den Invaliditätsbetroffenen bis hin zum Sozialfall. Nicht aber für Mütter.

Lilith beeindruckte die Feststellung der Kita-Frau übrigens nicht im Geringsten. Auf meine gemurmelte Frage nach dem Ursprung ihrer Sturheit hatte sie eine klare Antwort: «Von zuhause».

By the way: Stellen, die zu dir und deinem Lebensabschnitt passen, findest du hier.

 


9 Kommentare

Carolina Schmid · 12. Januar 2017 um 14:42

Glückwunsch Vera Beutler, ein sehr guter Artikel! Genau weil man sich einen Karriereschritt erst Mal leisten können muss, gehen so viele gut ausgebildete Frauen auf dem Weg nach oben verloren. Das klassische Bild, dass eine Mama nur dann eine gute Mama ist, wenn sie möglichst viel Zeit mit ihren Kindern zu Hause verbringt, ist sicherlich überholt – dennoch ist es leider noch immer in vielen Köpfen verankert.

    Jill Altenburger · 2. Februar 2017 um 14:31

    Danke Carolina für Deinen Beitrag zur klassichen Rollenverteilung in unseren Köpfen.

Anonymous · 16. Januar 2017 um 12:49

Excellent article – thank you Vera Beutler. My children all went to the Kinderkrippe at the HSG from 4. Months until their entry into Kindergarten. They are not aggressive, lonely or anti-social. Quite the contrary- all three make friends easily, can manage conflicts well and know how to navigate new social situations. They were actually very well-prepared once they entered school where things can get very nasty and tricky quite quickly!

    Jill Altenburger · 12. Mai 2017 um 1:00

    Thank you for sharing your positive day care experience with us. Best regards, Jill

Stefan G. · 16. Januar 2017 um 15:12

Die grosse Frage ist ja, wer trägt die Kosten? Gegenüber Ihrem Beispiel der Bundesangestellten liegt die Subventionsschwelle im Kanton weitaus tiefer. Gerade für junge Eltern, die nicht subventioniert werden, ist die Fremdbetreuung eine massive finanzielle Belastung. Solange der Teilzeitlohn des einen gerade oder nicht zur Deckung der Fremdbetreuungskosten reicht, ist das System nicht familienverträglich. Man kann sich fragen, ob Kitas nicht überhaupt zum Service Public gehören sollten?

    Paul Rentsch · 16. Januar 2017 um 20:24

    Ja doch, zuerst Service Public, gefolgt von: «wer zahlt befiehlt», dann wird die Kita ab dem 3. Lebensjahr als obligatorisch erklärt, damit man das künftige Humankapital der Volkswirtschaft störfrei auf ihr künftige Rolle als Mehrwert schaffender Wirtschaftsfaktor vorbereiten kann. Vielleicht kriegen wir so den Homo ökonomikus dann endlich doch noch hin und die Wirtschaft verhält sich endlich so, wie das von Wirtschaftstheorien vorgesehen ist.

      Jill Altenburger · 2. Februar 2017 um 14:28

      Vielen Dank für den Beitrag.

    Jill Altenburger · 2. Februar 2017 um 14:27

    Vielen Dank für Deinen Beitrag, Stefan.

K.S. · 17. Januar 2017 um 23:15

Ein sehr guter Artikel! Für Eltern steht es ausser Frage, dass es eine Femdbetreuung für die Kinder geben sollte wenn man beruflich nicht bis zur Schulpflicht der Kinder im Abseits stehen will. Dass diese Fremdbetreuung die nötige Qualität haben muss, vor allem wenn oftmals gerade die eigene Familie als Notfalllösung für die Kinderbetreuung gut genug ist, steht ausser Frage!

Die Schweiz hat in dieser Hinsicht auf verschiedenen Ebenen Glück. Es gibt fast ausschliesslich hervorragende Kitas, es gibt genug weibliche Fachkräfte, für die es sich aus Sicht der Arbeitgeber lohnen sollte, flexible Arbeitssysteme bereit zu stellen und es gibt immer mehr Mütter, die bereit sind, sowohl das eine als auch das andere in Anspruch zu nehmen.

Wir haben zwei Mädchen in der Krippe und es geht ihnen dort super. Im Vergleich zu den Kindern meiner Schwester, die nicht in der Krippe sind, sind sie (und das ist wahrscheinlich subjektiv) auch sozial kompetenter, besser erzogen und selbstbewusster. Ich möchte die Kita nicht missen und würde die Kinder wohl auch ohne Job dorthin schicken…wenn wir es uns leisten könnten.

Wohl bemerkt, das System kann sicherlich familienfreundlicher gestaltet werden aber dann müsste sich die Schweiz weg vom Wirtschaftsliberalismus und hin zur Sozialdemokratie bewegen und das ist eine komplett andere Grundsatzdiskussion. Aber das System ist auch noch recht jung und wird sich wahrscheinlich zum Besseren weiter entwickeln…..es müssen nur alle betroffenen Parteien am Ball bleiben und Kompromisse eingehen.

Und nach diesem viel zu langen Kommentar jetzt noch kurz zu Paul Rentsch: super Kommentar! Wirklich, bringt einen so richtig weiter! Mindestens genauso sinnvoll wie die Kommentare zum RTL Dschungel auf blick.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.